Start | Selbstdarstellung | Texte | Geschichte | Links | Bestände

Rezension

Die Autonomen zwischen Subkultur und sozialer Bewegung

Jan Schwarzmeier: Die Autonomen zwischen Subkultur und sozialer Bewegung; Libri books on demand 2001, 214 S., 32,90 DM, ISBN 3-8311-1098-0

Website zum Buch

Schwarzmeier versucht in seiner soziologischen Dissertation anhand der Geschichte der Autonomen nachzuweisen, dass "soziale Bewegungen nur Mobilisierungsfähigkeit erreichen, wenn es ihnen gelingt, politischen Protest mit Bewegungskultur zu verbinden" (S. 11). Dazu benutz der mit den Autonomen sympathisierende Schwarzmeier ein der politologischen Bewegungsforschung entstammendes Ablaufschema neuer sozialer Bewegungen (nsB), das aus drei Phasen besteht: Entstehung und Schaffung von Öffentlichkeit für das Thema, die Hauptphase mit Konflikten und Aktionen und schliesslich die Phase des Rückzugs auf mittlerweile entstandene Organisationsstrukturen. Die Bewegungsforschung geht davon aus, dass der Aufbau einer Problemdeutung in der Öffentlichkeit und das Angebot von Erlebnismöglichkeiten für eine soziale Bewegung wichtig sind. Nach Schwarzmeier treffen die allgemein gängigen Beschreibungen von nsB auch auf die Autonomen zu. Dies begründet er mit dem grossen Gewicht, das Formen der Selbstinszenierung wie Kampf, Massenaktion und symbolische Gewalt bei den Autonomen einnehmen.

Im mit weitem Abstand umfangreichsten Teil des Buches versucht der Autor, die Geschichte der Autonomen nach dem oben angeführten Ablaufschema darzustellen. Der Bogen verläuft von ihrer Entstehung aus der, so der Autor, spontanen Militanz im Kontext von Hausbesetzungen und Aktionen der nsB über die Konsolidierungsphase Mitte/Ende der 80er Jahre und die Abschwungs- und Rückzugsphase ab Anfang der 90er Jahre (Stichworte sind hier Theoriediskusison und Organisationsdebatte) bis hin zur Auflösung ins Privatleben bzw. die neo-autonome Antifa und die postautonome Linke. Schwarzmeier führt etliche Orte (Berlin, Hamburg, Göttingen, Rhein-Main), Themen (Häuserkampf, Startbahn West, IWF, Arbeit), Kongresse (Libertäre Tage 1987 und 1993, Autonomiekongreß 1995) und wichtige Debatten (u.a. Organisierung, Sexismus) an und referiert sie.

Er arbeitet als Charakteristika heraus, dass die Autonomem "in der Regel an Bewegungen teilnehmen, deren Problemdefinition bereits abgeschlossen ist" und deshalb wenig Einfluss auf die Interpretation der Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit einerseits, in der Bewegung andererseits haben eine Ausnahme sei nur der Antifaschismus. Die Autonomen seien nicht auf ein Thema festgelegt, vielmehr gelinge nach dem Niedergang eines Themas das Aufgreifen neuer. Ein weiterer Beweis dafür, dass die Autonomen keine Jugendsubkultur seien.

Die objektive Geschichte der Autonomen zu schreiben ist unmöglich, deshalb kann auch das hier vorliegende Werk nur als ein Versuch betrachtet werden. Ein Versuch der auf den ersten Blick Interesse weckt, das dann aber herb enttäuscht wird. Ich will dies an zwei Komplexen verdeutlichen: Zum einen nimmt Schwarzmeier politische und andere Wertungen vor, die mir fragwürdig erscheinen. So steht Schwarzmeier den "Theorieautonomen" nicht gerade freundlich gegenüber Der Wiedervereinigung samt ihren Folgen schreibt er keine Auswirkungen auf die Rahmenbedingungen autonomer Politik zu und definiert Autonome als "Stil" aus einem Crossover von Punk (!) und RockerInnen (!!). Die Autonomen sieht er in klarer Abgrenzung zur "Alternativbewegung" und nicht, was ja auch naheliegen könnte, als ihren letzten Ausläufer. Schlimm ist aber, dass er den Patriarchatsdiskurs der letzten Jahre als reine Machtfrage (welcher Diskurs ist denn bitteschön machtfrei?) auffasst und dies nach dem Motto "böse Feministinnen zwingen autonome Männer zur Selbstreflexion", was dann seiner Meinung nach nebenbei dazu führt, dass die autonome Subkultur an Attraktivität für Jugendliche verliere (S. 196).

Der zweite Komplex ist die Problematik der Quellen und der Literatur. Schwarzmeier verliert kein Wort über die Aussagekraft der von ihm zitierten, durchweg schriftlichen Quellen aus autonomen Periodika und Broschüren. Zwar erwähnt er selbst, dass es in den 80er Jahren "wenige autonome Publikationen" (S. 202) gegeben habe, aus denen er dann aber ausgiebig zitiert und sie als Diskussion "der" Autonomen darstellt. Inwieweit in den ja als theoriefeindlich geltenden autonomen Bewegungen Zeitschriften überhaupt eine Bedeutung zukommt, und wenn ja welche, das wäre wohl eine eigene Dissertation wert. Hinzu kommt, dass der Auto wie in jeder vergleichbaren Publikation fast durchgängig nur thematische Highlights und die drei, vier lokalen Hochburgen der autonomen Bewegungen darstellt. Die politische Arbeit in der Provinz (und sei es nur Hildesheim, Jena oder Regensburg) oder der meist sehr unspektakuläre Alltag der Gruppen, Infoläden und Zentren bleibt wiedereinmal im Dunkel der Geschichte. Dabei wäre dieser Alltag für die Überprüfung der Thesen des Autors vielleicht ergiebiger gewesen. Dann hätte der Fokus auch nicht sosehr auf die öffentliche (Selbst-) Darstellung der Autonomen (Vermummung, Gewalt) gerichtet werden müssen - schliesslich liefen die meisten Autonomen nur selten und manche nie vermummt herum.

Den Kampf gegen den Uni-Bluff, das Aufführen nie gelesener Literatur in einer aufgeblasenen Literaturliste in allen Ehren dass der Autor mit einer solch dürftigen Literaturauswahl und schlampigen Zitierweise für den vorliegenden Text die Doktorwürde, noch dazuhin an der ja nicht gerade als liberal geltenden Universität Göttingen erhielt, wird mir ein Rätsel bleiben.

Bernd Hüttner

Erschienen u.a. in Forum Wissenschaft Nr. 4/2001 (Oktober 2001).

top | zurück | home | contact: webmaster